Auswirkungen des Brexit im Herbst 2021: Eine handfeste Versorgungskrise
 

Am 23. Juni 2016 hatte sich die britische Bevölkerung in einem Referendum für den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU entschieden. Seit dem 1. Januar 2021 ist das Land nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes und der Zollunion. Das hatte zunächst in erster Linie Folgen für die einheimischen Unternehmen sowie solchen mit britischen Geschäftskontakten. Doch im Herbst 2021 sind die Auswirkungen des Brexit für einen deutlich größeren Kreis spürbar. Allen voran für die Briten selbst, die beim Einkaufen plötzlich vor leeren Regalen und an der Tankstelle Schlange stehen. 

Der Hauptgrund hierfür sind massive Lieferprobleme, die nicht über Nacht gelöst werden können, sondern nach Einschätzung vieler Experten noch bis ins Jahr 2022 andauern werden. Zehntausende Lkw-Fahrer, meistens aus osteuropäischen Ländern der EU, kehrten dem Königreich wegen der seit 2021 geltenden, strengen Einreisebestimmungen den Rücken. Ersatz ist aktuell nicht in Sicht, da helfen auch die in Aussicht gestellten Kurzzeitvisa kaum.

Deutsche Unternehmen in Großbritannien kämpfen um Nachschub

Betroffen sind dadurch auch Industrieunternehmen, die dringend Warenlieferungen für Ihre Werke benötigen. Das gilt auch für die deutschen Unternehmen im Land. Die Lieferungen verzögern sich durch den Lkw-Mangel und die komplizierte Zollabwicklung erheblich, was die Planbarkeit erschwert. Die Logistik vor Ort ist ebenfalls beeinträchtigt, da die Transporte auch innerhalb Großbritanniens nicht reibungslos verlaufen. Und nicht zuletzt sind die Lieferkosten aufgrund hoher Zölle, steigender Gebühren im Zahlungsverkehr und anderen Aspekten in die Höhe geschnellt, teilweise auf das Drei- bis Vierfache.

Doch nicht nur deutsche Unternehmen mit Zweigstellen im Vereinigten Königreich leiden unter den Brexit-Folgen. Auch Firmen in Deutschland haben wegen des EU-Austritts ihre Supply Chains umgestellt und britische Zulieferer durch andere Bezugsquellen ersetzt.
 


Großbritannien verliert für Deutschland ökonomisch an Bedeutung

Die gesamtwirtschaftlichen Folgen: Die bilateralen Beziehungen im Wirtschaftsverkehr sind nicht mehr so eng, wie sie früher einmal waren. Das schon seit Jahren abnehmende Handelsvolumen zwischen Großbritannien und Deutschland ging 2021 stärker zurück als zuvor. 2016 lagen die Briten noch auf Platz vier, nun drohen sie aus der Top Ten der wichtigsten Handelspartner zu fallen. Allein der Warenaustausch mit Autos und Kfz-Teilen brach seit 2016 im Mittel um 12,3 Prozent pro Jahr ein.

In erster Linie gingen die deutschen Importe aus Großbritannien zurück, von Januar bis Juni allein um fast elf Prozent auf rund 16 Milliarden Euro. Aber auch die Exporte haben abgenommen, zwischen 2015 und 2020 um rund 25 Prozent. Vor allem kleine und mittelständische Firmen aus Deutschland bedienen die Insel in geringerem Maße, da der administrative Aufwand für sie zu hoch ist.

Brexit-Fonds soll Folgen für deutsche Unternehmen mindern

Laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wird dieser Trend mutmaßlich noch länger anhalten. Die britischen Pläne zum Abweichen von EU-Regeln und Standards etwa im Datenschutz, bei Lebensmitteln oder in der Chemie würden die Unsicherheit für deutsche Handelspartner verstärken. Das gelte vornehmlich für die Transport-, Automobil- und Chemiebranche.

Immerhin können deutsche Unternehmen hoffen, mit rund 647 Millionen Euro aus dem sogenannten Brexit-Fonds bedacht zu werden. Mit diesen Mitteln aus EU-Geldern sollen öffentliche und private Betriebe unterstützt werden, die nach dem Brexit mit zusätzlichen Kosten, Verlusten oder anderen nachteiligen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen konfrontiert sind.